
Größtes Plus seit 16 Jahren Die Löhne steigen, die Stimmung sinkt
Die Reallöhne sind in Deutschland im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie seit 16 Jahren nicht. Ein Grund sind Extrazahlungen als Inflationsausgleich. Warum die Verbraucherstimmung dennoch trüb bleibt.
Deutschland verzeichnet das größte Reallohn-Plus seit vielen Jahren. Im Schnitt stiegen die Löhne um 3,1 Prozent im Jahresvergleich, teilte das Statistische Bundesamt mit. "Das war der stärkste Reallohnanstieg seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2008", hieß es.
Dank der niedrigeren Inflation, der Inflationsausgleichsprämie und vergleichsweise hohen Lohnabschlüssen haben die Menschen unter dem Strich mehr Geld zur Verfügung: Die Löhne legten durchschnittlich um rund 5,4 Prozent zu, die Verbraucherpreise dagegen nur um 2,2 Prozent.
Wegfall von Prämie dürfte Lohnanstieg nun bremsen
"Während in den Jahren zuvor noch insbesondere die hohe Inflation den Nominallohnanstieg aufgezehrt hatte, ist das starke Reallohnwachstum im Jahr 2024 auf die schwächere Inflationsentwicklung, die Zahlungen von Inflationsausgleichsprämien und die in Tarifverträgen beschlossenen Lohnsteigerungen und Einmalzahlungen zurückzuführen", erklärten die Statistiker.
Die Inflationsausgleichsprämie ist eine steuer- und abgabenfreie Einmalzahlungen von bis zu 3.000 Euro, die den Beschäftigten einen höheren Nettolohn und den Arbeitgebern niedrigere Arbeitskosten ermöglichten. Die Regelung lief allerdings zum Jahresende aus. Experten zufolge dürfte sich der Wegfall der Inflationsausgleichsprämien in diesem Jahr dämpfend auf die Lohnentwicklung auswirken.
Höchste Lohnsteigerung bei IT und Kommunikation
Am stärksten stiegen die Löhne 2024 in der IT- und Kommunikationsbranche (plus 6,9 Prozent) sowie im Gesundheits- und Sozialwesen mit einem Plus von 6,5 Prozent. Beschäftigte der Finanz- und Versicherungsdienstleister erhielten durchschnittlich ebenfalls 6,5 Prozent mehr Lohn beziehungsweise Gehalt.
Vergleichsweise gering fiel das Plus in den Bereichen "Grundstücks- und Wohnungswesen" (plus 4,1 Prozent), "Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen" (plus 4,1 Prozent) und "Land- und Forstwirtschaft, Fischerei" (plus 4,6 Prozent) sowie "Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden" (plus 4,6 Prozent) aus.
Frauen und Geringverdienende mit mehr Lohn
Die Verdienste der Vollzeitkräfte stiegen 2024 um 5,5 Prozent. Hier wiesen Frauen mit einem Plus von 5,8 Prozent stärkere Steigerungen auf als Männer (plus 5,3 Prozent). Insbesondere Geringverdienende bekamen mehr Geld. Das Fünftel mit den geringsten Verdiensten kam mit 7,8 Prozent auf die stärksten Steigerungen.
"Dies ist wie bereits im Vorjahr vorrangig auf den prozentual stärkeren Effekt der Inflationsausgleichsprämie in dieser Verdienstgrößenklasse zurückzuführen, da diese steuerfreie Zahlung meist unabhängig von der Gehaltsstufe als Festbetrag ausgezahlt wurde", hieß es. Für das oberste Fünftel mit den höchsten Verdiensten unter den Vollzeitbeschäftigten betrug das Plus 5,0 Prozent.
Konsumlaune sinkt weiter
Ungeachtet der im Schnitt positiven Lohnentwicklung hat sich die Stimmung der Verbraucher nicht verbessert, im Gegenteil: Die Konsumlaune verschlechterte sich erneut. Das Barometer für das Konsumklima im März sank überraschend auf minus 24,7 Punkte von revidiert minus 22,6 Zählern im Vormonat, wie die GfK und das Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) mitteilten.
Die Forscher prognostizieren anhand einer Umfrage vom Februar unter rund 2.000 Verbrauchern die Konsumstimmung für den Folgemonat. Von Reuters befragte Volkswirte hatten für März einen leichten Anstieg erwartet.
"Die aktuellen Zahlen zeigen keinerlei Anzeichen für eine Erholung der Konsumstimmung in Deutschland", erklärte NIM-Konsumexperte Rolf Bürkl. Seit Mitte 2024 stagniere das Konsumklima auf niedrigem Niveau. "Nach wie vor ist die Verunsicherung unter den Konsumenten groß und die Planungssicherheit fehlt." Die zügige Bildung einer neuen Bundesregierung und die Verabschiedung eines Haushalts für dieses Jahr könnten das ändern, erklärte Bürkl.
Bei größeren Anschaffungen zurückhaltend - Job-Sorgen
"Damit wären wichtige Rahmenbedingungen gegeben, damit die Verbraucher wieder eher bereit wären, Geld auszugeben und den Konsum zu beleben." Bei größeren Anschaffungen sind die Verbraucherinnen und Verbraucher laut der Studie zurzeit zurückhaltend.
Unternehmenspleiten, drohende Werkschließungen, Produktionsverlagerungen ins Ausland und Personalabbau in der deutschen Industrie führten dazu, dass sich diese um ihren eigenen Arbeitsplatz sorgten. Auch die schwachen Einkommenserwartungen ließen die Anschaffungsneigung auf den niedrigsten Wert seit Juni 2024 sinken.
Mutige Entscheidungen notwendig
Der Rückgang der Konsumlaune sei "ein Zeichen für die Mutlosigkeit der Verbraucher und der zunehmenden Arbeitslosigkeit", sagte Chefvolkswirt Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank. Für den Einzelhandel seien das keine guten Nachrichten und für die Wirtschaft insgesamt ebenso wenig. "Es ist nicht nur die Exportschwäche, die zum Problem für die deutsche Volkswirtschaft geworden ist, sondern auch die Inlandsnachfrage, die im Wesentlichen von den Konsumenten abhängt."
Eine neue Regierung müsse rasch mutige Entscheidungen treffen, die den Menschen wieder Zuversicht gäben. "Die Verbraucher lassen sich vom Vorfrühling nicht einlullen", erklärte der Chefvolkswirt der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe, Alexander Krüger. Das sei nachvollziehbar, da sich das Konsumumfeld nicht verbessert habe. "Für eine echte Konsumwende muss die neue Bundesregierung nun liefern und Unsicherheiten beseitigen."